Gestern Morgen komme ich in den INSELWiNKEL und denke erst einmal:
Oh.
Eine unserer Stromschienen an der Decke hat sich ĂŒber Nacht gelöst und hĂ€ngt quer in den Laden hinein.
Mein erster Gedanke: Gut, dass das nachts passiert ist. Kein Mensch darunter. Niemandem etwas auf den Kopf gefallen.
Mein zweiter Gedanke: Ist da noch Strom drauf?
Und ziemlich schnell danach: Wie kriege ich das jetzt gelöst?
đ§ Erst einmal eine Lösung
Auf dem Festland hĂ€tte ich bei solchen Dingen frĂŒher wahrscheinlich relativ schnell zum Telefon gegriffen. Hier funktioniert âIch rufe mal eben jemanden anâ nicht immer ganz so einfach.
Handwerksbetriebe gibt es auf Spiekeroog durchaus â nur ihre Dichte ist ziemlich saisonal. Viele Handwerker*innen kommen vom Festland herĂŒber, vor allem im Winter, wenn auf der Insel Bausaison ist. Wir haben also gewissermaĂen zwei Saisons, die genau gegeneinander liegen: die GĂ€stesaison und die Bausaison. Und die Stromschiene fĂ€llt natĂŒrlich mitten im August in die falsche.
Nach ein paar Jahren auf der Insel kenne ich mich inzwischen auch mit Elektrik ganz gut aus. Lisa hat mir allerdings mittlerweile verboten, âgefĂ€hrliche Sachenâ zu machen. Also erst einmal prĂŒfen, ob ĂŒberhaupt Strom drauf ist.
In diesem Fall war zum GlĂŒck schnell klar: Die Elektrik war nicht das Problem. Die Befestigung war es.
Der DĂŒbel war komplett aus der Rigipsdecke gerissen â inklusive eines StĂŒcks vom Bohrloch. Einfach einen neuen DĂŒbel reinstecken und wieder festschrauben war also nicht.
Also habe ich das betroffene StĂŒck der Lichtleiste erst einmal abgenommen. Dadurch war der Kassenbereich deutlich dunkler als sonst â aufgefallen ist es aber offenbar niemandem, jedenfalls hat kein Mensch etwas gesagt.
Nicht schön. Aber erst einmal eine Lösung.
Und genau dieses âerst einmalâ hĂ€tte mich frĂŒher wahnsinnig gemacht. Ich war ziemlich perfektionistisch. Wenn ich etwas gemacht habe, sollte es richtig sein. Am besten sofort. Am besten endgĂŒltig.
Auf der Insel bin ich pragmatischer geworden.
Nicht alles muss sofort perfekt sein. Manches muss erst einmal funktionieren.
Manchmal kommt mir das Inselleben vor wie eine Runde Sims. Du denkst gerade: Laden lĂ€uft, August lĂ€uft, Familie organisiert. Und dann klickt jemand von auĂen auf ein Ereignis und guckt zu, wie du reagierst.
Stromschiene hat sich gelöst. Okay. Neue Aufgabe.
đŠ· Seit anderthalb Monaten tut mein Zahn weh
Seit ungefÀhr anderthalb Monaten habe ich Zahnschmerzen.
Der Zahnarzttermin stand zu diesem Zeitpunkt schon seit Wochen fest und war entsprechend lange geplant. Und ausgerechnet an dem Morgen, an dem ich losfahren musste, hing die Stromschiene von der Decke.
Mein Zahnarzt sitzt â historisch bedingt â in Hamburg. Ostfriesland ist viel FlĂ€che mit vergleichsweise wenig Ărzt*innen. Viele lassen sich eher ab Oldenburg, Bremen oder Hamburg nieder, wo die nötige Einzugsdichte gröĂer ist. Und so ist mein Zahnarzt eben bis heute in Hamburg.
Das sind von Neuharlingersiel aus ungefĂ€hr dreieinhalb Stunden hin â und dreieinhalb Stunden wieder zurĂŒck.
Ein Arzttermin ist fĂŒr uns in der Saison deshalb immer auch ein kleines Logistikprojekt. Wenn die Zahnarzthelferin am Telefon fragt: âKönnen Sie um 10 Uhr?â, brauche ich eigentlich drei Kalender.
Wann fĂ€hrt die FĂ€hre? Wann komme ich in Neuharlingersiel an? Wie lange brauche ich bis Hamburg? Welche FĂ€hre schaffe ich zurĂŒck?
Wer steht wÀhrenddessen im Laden?
Und wie organisieren wir die Kinderbetreuung?
Momentan gehen solche Termine bei mir eigentlich nur vormittags. Lisa kann dann den INSELWiNKEL ĂŒbernehmen, unser Sohn ist im Kindergarten und nachmittags muss ich wieder zurĂŒck sein.
Hamburg hin und zurĂŒck an einem Vormittag?
Keine Chance.
Also musste ein anderer Plan her.
âŽïž 19 Uhr. Feierabend. Festland.
Gestern Abend habe ich nach der Arbeit den INSELWiNKEL zugemacht und bin mit der 19-Uhr-FĂ€hre aufs Festland gefahren.
Das Schiff voll mit TagesgĂ€sten auf dem Heimweg. MĂŒde Gesichter, mĂŒde Kinder. Alle wollen eigentlich nur noch los. Ich auch.
Nur: Wir fuhren nicht los.
Zuerst habe ich es gar nicht richtig bemerkt. Es war Niedrigwasser und die FĂ€hre hatte sich beim Ablegen offenbar ein bisschen festgefahren. Also warten.
Irgendwann ging es weiter â mit ungefĂ€hr 20 Minuten VerspĂ€tung.
An so einem Punkt kann man sich natĂŒrlich herrlich aufregen. Man kann auch schreien.
Aber A: interessiert's keinen.
Und B: bringt's auch nix.
Also weiter. Mit dem Auto Richtung Bremen, dort ĂŒbernachten und am nĂ€chsten Morgen den Rest nach Hamburg. Zahnarzt um 10 Uhr.
Der Plan stand.
đ Bis das Telefon klingelte
Am nÀchsten Morgen saà ich im Auto Richtung Hamburg.
Da klingelt das Telefon. Die Zahnarztpraxis.
Der Zahnarzt ist krank. Der Termin fÀllt aus.
Da sitzt du dann. Am Abend vorher nach Feierabend von der Insel runter, FĂ€hre festgefahren, nach Bremen gefahren, ĂŒbernachtet und morgens weiter Richtung Hamburg.
Und dein Zahn tut natĂŒrlich immer noch weh.
Jo. Dann ist das jetzt so.
Der Zahnarzt kann schlieĂlich auch nichts dafĂŒr, dass er krank ist. Also nĂ€chste Ausfahrt, umdrehen, wieder Richtung KĂŒste.
Und plötzlich hatte ich etwas, das ich eigentlich gar nicht eingeplant hatte: Zeit.
đ© Dann eben Hagebaumarkt
Und diese plötzlich freie Zeit hatte immerhin einen Vorteil: Ich konnte auf dem RĂŒckweg beim Hagebaumarkt anhalten.
Also rein und SchwerlastdĂŒbel fĂŒr die ausgerissene Rigipsdecke besorgt.
Die Stromschiene hĂ€ngt inzwischen mit den SchwerlastdĂŒbeln wieder richtig an der Decke.
đ Es ist nicht immer alles schön hier
Wenn man ĂŒber das Leben auf einer Nordseeinsel schreibt, landet man schnell bei SonnenuntergĂ€ngen, Strand und Ruhe.
Das gibt es alles. Aber es gibt eben auch die anderen Tage.
Tage, an denen du morgens nach oben guckst und weiĂt: Das wird heute nichts mehr mit dem Plan.
Auch auf einer Insel hat man manchmal einfach einen Schiettag.
Ich habe nur gelernt, dass sich das Problem nicht Ă€ndert, wenn ich mich darĂŒber aufrege. Nur mein Tag.
Wenn im INSELWiNKEL an einem Samstag im August die Kartenzahlung ausfĂ€llt, könnt ihr mich gerne noch einmal fragen. đ
Aber meistens kommt inzwischen ziemlich schnell die Frage: Okay. Wie geht's jetzt weiter?
đ Irgendwas ist immer
Die Fahrt nach Hamburg war umsonst. Mein Zahn tut noch weh. Einen neuen Termin habe ich noch nicht. Aber die Stromschiene hÀngt wieder sicher.
Vieles kommt sowieso anders, als ich es geplant habe. Und an Dingen, die ich ohnehin nicht Ă€ndern kann, kann ich mich ziemlich lange aufhalten. Auf der Insel habe ich dafĂŒr einen Joker: Ich gehe ans Meer und lasse mir den Wind um die Nase wehen. Danach ist das Problem nicht gelöst â aber es hat wieder die richtige GröĂe.
Irgendwas ist immer.
Und manchmal kommt man wenigstens mit den richtigen DĂŒbeln zurĂŒck. đ
Â






2 Kommentare
Barbara und Roland Wagner
Moin, Deine Geschichten bzw. Erlebnisse auf der Insel rĂŒcken auch bei uns wieder viele Dinge des Alltags in ein anderes Licht. Man kann sich zwar Ă€rgern, aber das kostet nur kostbare LebensqualitĂ€t. Insofern erneut vielen Dank fĂŒr Deine Geschichten.
Ăbrigens: Wenn wir auf der Insel sind, besuchen wir immer mehrere Restaurants â ein bestes Restaurant gibt es fĂŒr uns zwar, aber auch das wĂ€re auf Dauer langweilig. đ đ
Moin, Deine Geschichten bzw. Erlebnisse auf der Insel rĂŒcken auch bei uns wieder viele Dinge des Alltags in ein anderes Licht. Man kann sich zwar Ă€rgern, aber das kostet nur kostbare LebensqualitĂ€t. Insofern erneut vielen Dank fĂŒr Deine Geschichten.
Ăbrigens: Wenn wir auf der Insel sind, besuchen wir immer mehrere Restaurants â ein bestes Restaurant gibt es fĂŒr uns zwar, aber auch das wĂ€re auf Dauer langweilig. đ đ
Dorothea Honefeld
Moin und ohjeh, sicher gibt es Tage, die man aus dem Kalender streichen sollte. Schön, dass du deinen Optimismus behalten hast und uns an deinen Erlebnissen teilhaben lÀsst
Sonnige GrĂŒĂe nach Spiekeroog und gute Besserung fĂŒr deinen Zahn!
Moin und ohjeh, sicher gibt es Tage, die man aus dem Kalender streichen sollte. Schön, dass du deinen Optimismus behalten hast und uns an deinen Erlebnissen teilhaben lÀsst
Sonnige GrĂŒĂe nach Spiekeroog und gute Besserung fĂŒr deinen Zahn!