Das habe ich neulich zu einer niederländischen Kundin gesagt.
Ich wollte eigentlich nur freundlich sein. Sie hatte gerade bezahlt, ich gab ihr die Tüte und zum Abschied wünschte ich ihr eben einen „leckeren Tag“.
Sie schaute mich kurz etwas irritiert an, wurde rot und fing dann an zu lachen.
Dann erklärte sie mir, dass lekker auf Niederländisch durchaus noch andere Bedeutungen haben kann als die, die ich gerade im Kopf hatte. So, wie sie es beschrieb, hatte ich ihr jedenfalls einen ziemlich anzüglichen Tag gewünscht.
Wir mussten beide lachen. Und vermutlich werde ich ihr Gesicht beim nächsten Mal sofort wiedererkennen.
Ihren Namen kenne ich allerdings nicht.
Damit ist sie bei uns im INSELWiNKEL nicht allein.
🧮 Bis zu 300 Begegnungen am Tag
An einem gut besuchten Tag in der Hauptsaison komme ich auf bis zu 300 Begegnungen im INSELWiNKEL.
Natürlich sind das nicht 300 lange Gespräche. Manchmal sind es nur zwanzig Sekunden. Ein Moin, etwas über die Theke reichen, kassieren, ein kurzer Satz und Tschüss.
An einem Samstag im August bist du für mich also vielleicht die 247. Person, die an diesem Tag vor mir steht. Für dich ist es aber möglicherweise das erste Mal überhaupt, dass du bei uns im INSELWiNKEL bist.
Und genau das finde ich an unserem Job manchmal herausfordernd: Du sollst nicht merken, dass du Nummer 247 bist.
Denn für mich wiederholen sich an einem solchen Tag viele Abläufe. Für die Person auf der anderen Seite der Kasse eben nicht.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich das Kassieren selbst gar nicht für den schwierigsten Teil unseres Jobs halte. Viel anspruchsvoller ist es, innerhalb weniger Sekunden ein Gefühl dafür zu bekommen, wer da eigentlich gerade vor einem steht.
👋 Manche wollen schnacken. Andere einfach ihren Käse.
Ich duze Menschen ziemlich schnell. Respektvoll, aber für mich sehr selbstverständlich. Das habe ich aus über zehn Jahren IKEA mitgebracht und offenbar bekommt man das irgendwann nicht mehr raus.
Mein erster Impuls ist deshalb fast immer das Du.
Die meisten duzen direkt zurück. Bei manchen merke ich aber ein kurzes Zögern oder bekomme ein Sie zurück. Dann wechsle ich ebenfalls zum Sie, ohne daraus eine große Sache zu machen.
Bei Gesprächen ist es eigentlich genauso.
Manche haben Lust auf einen Schnack und bleiben noch ein bisschen an der Theke stehen. Andere möchten ihren Einkauf bezahlen und weiter. Beides ist vollkommen in Ordnung.
Und manchmal entsteht ein Gespräch an Stellen, an denen man es überhaupt nicht erwartet.
Zum Beispiel beim Käsepapier.
Wer bei uns Käse kauft, bekommt auf Wunsch Käsepapier für zu Hause dazu. Natürlich könnten wir einen Stapel davon neben die Kasse legen und ein Schild dazustellen: „Bitte bedienen“.
Wäre vermutlich effizienter.
Stattdessen fragen wir jedes Mal: „Möchtest du noch Käsepapier dazu?“
Das ist eigentlich nur eine kleine Servicefrage. Trotzdem entsteht genau daraus manchmal ein kurzer Kontakt und aus dem kurzen Kontakt ein Gespräch.
Ich mag effiziente Abläufe wirklich sehr. Aber gerade im Einzelhandel kann man Dinge eben auch so lange optimieren, bis irgendwann nichts mehr passiert.
🌊 Irgendwann wird aus „Guten Tag“ ein „Moin“
Besonders schön finde ich, dass sich solche Begegnungen während eines Urlaubs verändern.
Am Anfang höre ich oft „Guten Tag“, manchmal auch „Servus“. Höflich, freundlich und irgendwie noch ein bisschen Festland.
Ein paar Tage später geht die Tür auf und dieselbe Person sagt plötzlich ganz selbstverständlich „Moin“.
Ich weiß nicht, wann genau dieser Moment kommt. Aber irgendwann ist er da.
Für mich ist das immer ein ziemlich guter Gradmesser dafür, dass die Insel ihre Arbeit gemacht hat.
Und mit manchen Menschen passiert über mehrere Urlaube hinweg noch etwas anderes.
Beim ersten Besuch wechselt man vielleicht zwei Sätze. Beim zweiten erkennt man sich schon. Beim dritten knüpft man an irgendein Gespräch vom letzten Mal an. Dann ist der Urlaub vorbei und irgendwann – manchmal erst ein Jahr später – steht dieselbe Person wieder vor einem.
Mit der Zeit weiß man plötzlich, wie es den Kindern geht. Unternehmer*innen erzählen mir von ihrem eigenen Betrieb und fragen, wie wir bestimmte Dinge hier auf der Insel lösen. Andere geben Lisa und mir Tipps, wo wir im Winter unbedingt einmal Urlaub machen sollten.
Freund*innen werden daraus in der Regel nicht.
Aber fremd ist man sich eben auch nicht mehr.
Und weil wir die Namen manchmal gar nicht kennen, entstehen bei uns irgendwann ganz automatisch andere Namen.
Dann gibt es bei uns „die Schottens“ oder „die Schweizer“. Den Kunden mit dem großen Becher Kräuterfrischcreme, weil wir den normalerweise nur in klein verkaufen. Oder die „Schneetomme-Damen“, bei denen wir eigentlich schon wissen, dass sie wieder einen ganzen Weichkäse mit nachhause nehmen werden.
Das klingt vielleicht ein bisschen merkwürdig. Für uns sind das aber Menschen, bei denen wir sofort wissen, wer gemeint ist.
Vielleicht sind genau das unsere Inselbekanntschaften.
Menschen, die für ein paar Tage im Jahr zu unserem Alltag gehören – während wir gleichzeitig ein kleines Stück ihres Urlaubs sind.
🧠 Und dann kommt mein Problem mit den Namen
Von manchen dieser Menschen weiß ich inzwischen erstaunlich viel.
Ich weiß noch, worüber wir beim letzten Urlaub gesprochen haben. Ich erkenne das Gesicht, sobald die Tür aufgeht. Manchmal weiß ich sogar noch ziemlich genau, was die Person normalerweise bei uns kauft.
Nur den Namen weiß ich nicht.
Oft habe ich ihn schlicht nie erfahren. An einer Ladenkasse ergibt sich schließlich selten der Moment, in dem man nach dem dritten gemeinsamen Käsegespräch plötzlich sagt: „Ach übrigens, wie heißt du eigentlich?“
Umgekehrt passiert es regelmäßig, dass nach einem Jahr jemand durch die Tür kommt, mich mit „Moin Andreas!“ begrüßt und sofort an unser letztes Gespräch anknüpft.
Ich freue mich dann wirklich, die Person wiederzusehen – und suche gleichzeitig hektisch in meinem Kopf nach einem Namen, der dort gar nicht gespeichert sein kann.
Vielleicht gehört auch das zu diesen Inselbekanntschaften.
🤫 Und was ist mit bekannten Gesichtern?
Wir werden übrigens auch immer wieder gefragt, ob bei uns bekannte Persönlichkeiten einkaufen.
Ja.
Wer genau, erzählen wir allerdings nicht.
Jeder Mensch hat das Recht auf einen entspannten Urlaub. Und gerade auf einer kleinen Insel können wir zumindest ein bisschen nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn Privatsphäre plötzlich ziemlich knapp wird.
Bei uns an der Kasse sind deshalb auch bekannte Gesichter vor allem eines: Menschen, die gerade Urlaub machen.
🏝️ Ein kleines Stück Urlaub
Am Ende eines Urlaubs bekommen wir manchmal ein Danke.
Für die Gespräche, für die Zeit bei uns oder für die Abende an der WiNKELBAR.
Das überrascht mich tatsächlich immer noch.
Denn natürlich kommen Menschen nicht wegen eines Geschäfts am Noorderloog nach Spiekeroog. Sie kommen wegen der Insel. Wegen der Natur, der Ruhe und natürlich wegen unseres wahnsinnig schönen Strandes.
Und trotzdem sagt dann manchmal jemand beim Abschied, dass der Besuch bei uns inzwischen einfach zum Spiekeroog-Urlaub dazugehört.
Das ist für mich eines der schönsten Komplimente, die man uns machen kann.
Wir sind nicht der Grund herzukommen. Aber vielleicht einer der vielen kleinen Gründe, wiederzukommen.
Und dann denke ich wieder an die niederländische Kundin.
Ich weiß nicht, wie sie heißt.
Aber ihr Gesicht habe ich sofort vor Augen.
Nicht, weil ich an diesem Tag besonders professionell war oder den perfekten Satz gesagt habe. Sondern weil ich ziemlich genau das Gegenteil geschafft habe und wir beide darüber lachen mussten.
Vielleicht entstehen genau so diese Inselbekanntschaften.
Nicht durch den perfekten Servicekontakt. Sondern durch viele kleine Begegnungen, bei denen auf beiden Seiten der Kasse Menschen stehen.
Und manchmal eben durch ein:
„Ich wünsche dir einen leckeren Tag.“ 💚







4 Kommentare
Uwe Ehrenberg
Moin nach Spiekeroog!
Wieder ein sehr informativer und lesenswerter Beitrag!
Außerdem gab es noch einen interessanten Abstecher in die Feinheiten der niederländischen Sprache :-)
Ich kann mich den Aussagen der Vorposter nur vollinhaltlich anschließen.
Liebe Grüße
Uwe
Moin nach Spiekeroog!
Wieder ein sehr informativer und lesenswerter Beitrag!
Außerdem gab es noch einen interessanten Abstecher in die Feinheiten der niederländischen Sprache :-)
Ich kann mich den Aussagen der Vorposter nur vollinhaltlich anschließen.
Liebe Grüße
Uwe
Dorothea Honefeld
Moin,
vielen Dank für den tollen Beitrag und sonnige Grüße nach Spiekeroog.
Dorothea
Moin,
vielen Dank für den tollen Beitrag und sonnige Grüße nach Spiekeroog.
Dorothea
Georg Dorenkamp
Moin Ihr Lieben,
solltet Ihr, aus welchem Grund auch immer, irgendwann mal den Laden zusperren, musst Du dir um deine Zukunft keine Sorgen machen. Du kannst sofort als Drehbuchautor, professioneller Geschichtenerzähler oder als Unterhalter auf jeder Kleinkunstbühne anfangen.
Ich freu mich schonauf den nächsten Beitag, versüssen sie doch die Wartezeit bis zum nächsten (Ende September) Besuch in Eurem Laden.
Lieber Grüße
Georg
Moin Ihr Lieben,
solltet Ihr, aus welchem Grund auch immer, irgendwann mal den Laden zusperren, musst Du dir um deine Zukunft keine Sorgen machen. Du kannst sofort als Drehbuchautor, professioneller Geschichtenerzähler oder als Unterhalter auf jeder Kleinkunstbühne anfangen.
Ich freu mich schonauf den nächsten Beitag, versüssen sie doch die Wartezeit bis zum nächsten (Ende September) Besuch in Eurem Laden.
Lieber Grüße
Georg
Barbara und Roland Wagner
Moin Ihr Lieben, was soll ich sagen? Wieder ist es Euch gelungen, Alltagsbegebenheiten in eine amüsante, lesenswerte Geschichte einzubinden.
Herzlichen Dank für die “leckeren” Zeilen und bis bald.
Barbara und Roland
Moin Ihr Lieben, was soll ich sagen? Wieder ist es Euch gelungen, Alltagsbegebenheiten in eine amüsante, lesenswerte Geschichte einzubinden.
Herzlichen Dank für die “leckeren” Zeilen und bis bald.
Barbara und Roland