Neulich stand eine Kundin bei mir an der Kasse. Vier Postkarten hatte sie ausgesucht, dazu die passenden Briefmarken.
Beim Bezahlen sagte sie: „Ach, das macht ja heutzutage keiner mehr.“
Da musste ich ihr widersprechen.
2025 haben wir im INSELWiNKEL knapp 5.000 Postkarten verkauft. Dazu knapp 3.000 Briefmarken. Bei rund 240 Öffnungstagen sind das im Schnitt gut 20 Postkarten am Tag.
Für etwas, das angeblich keiner mehr macht, finde ich das ganz ordentlich.
📮 Postkarten funktionieren gerade heute
Vielleicht ist es sogar genau diese schnelllebige Zeit, die Postkarten wieder besonders macht.
Wir bekommen jeden Tag unzählige Nachrichten über WhatsApp, E-Mail und Co. Im echten Briefkasten dagegen landen immer weniger persönliche Dinge. Meistens sind es Rechnungen, Werbung oder irgendeine Erinnerung von einer Versicherung.
Und dann liegt da plötzlich eine Postkarte von Spiekeroog.
Jemand hat ein Motiv ausgesucht, sich hingesetzt, ein paar Zeilen mit der Hand geschrieben und eine Briefmarke draufgeklebt. Das ist heute fast schon mehr Aufmerksamkeit als eine Nachricht, die in zehn Sekunden ins Handy getippt wurde.
Spiekeroog ist dafür wahrscheinlich auch kein schlechter Ort. Hier hat man im Urlaub eher mal die Zeit, die geistige Stopptaste zu drücken und sich zu überlegen: Wem wollte ich eigentlich schon lange mal wieder schreiben?
🖼️ Warum vor unserem Laden zwei Postkartenständer stehen
Dass wir Postkarten verkaufen, hat aber nicht nur etwas mit Romantik zu tun.
Vor unseren 40 Quadratmetern INSELWiNKEL stehen zwei große Postkartenständer. Die Motive dafür sucht Lisa bei uns aus. Und die beiden Ständer haben eine ziemlich wichtige Aufgabe. Jeden Morgen stellen wir sie raus ins Noorderloog und abends wieder rein.
Sie bremsen Menschen.
Wer durchs Noorderloog läuft, sieht die Karten schon von Weitem, bleibt stehen, dreht am Ständer und sucht ein Motiv aus. Vielleicht hatte dieser Mensch überhaupt nicht vor, in den INSELWiNKEL zu kommen.
Jetzt hat er eine Postkarte in der Hand und kommt zum Bezahlen rein.
Das Prinzip kenne ich noch aus meiner Zeit bei IKEA. Wer dort im Einrichtungshaus die Treppe hochgeht, steht ziemlich schnell vor günstigen Kleinartikeln und den gelben Tüten. Der Gedanke dahinter ist einfach: Sobald der Kopf einmal entschieden hat „Ich kaufe heute etwas“, wird es am Ende häufig mehr als ursprünglich geplant.
Wir haben solche Artikel damals Portemonnaie-Öffner genannt.
Genau diese Aufgabe erfüllen bei uns die Postkarten. Aus einer Karte wird vielleicht noch eine zweite. Und wenn man zum Bezahlen sowieso einmal im Laden steht, schaut man sich um und entdeckt vielleicht noch einen Fruchtaufstrich, eine Tüte Lakritz oder etwas anderes von Spiekeroog.
Natürlich nicht bei jedem. Aber bei knapp 5.000 verkauften Postkarten im Jahr muss es auch nicht bei jedem funktionieren.
Dazu kommt etwas, das bei einem 40-Quadratmeter-Laden fast noch wichtiger ist: Die beiden Postkartenständer stehen draußen und nehmen uns drinnen keinen einzigen Regalmeter weg. Platz ist bei uns eines der knappsten Güter überhaupt.
Die Ständer sind damit praktisch eine kleine Ladenerweiterung ins Noorderloog – und machen dort mit unseren Postkarten knapp 10.000 Euro Umsatz im Jahr.
📬 Warum wir Briefmarken verkaufen, obwohl wir daran nichts verdienen
Und dann kommt an der Kasse sehr häufig die nächste Frage:
„Habt ihr auch Briefmarken?“
Ja.
Das klingt selbstverständlich, ist es im Einzelhandel aber gar nicht. An einer Briefmarke verdienen wir praktisch nichts. Wir kaufen sie ein und verkaufen sie zum aufgedruckten Preis weiter. Kein Aufschlag, keine klassische Handelsmarge.
Bei knapp 3.000 verkauften Briefmarken zu 0,95 Euro kaufen wir im Jahr also für rund 2.850 Euro Briefmarken ein – ohne einen Cent daran zu verdienen.
Und dieses Geld müssen wir erst einmal auf Vorrat ausgeben. Es ist gebunden und arbeitet nicht, bis irgendwann jemand mit der Briefmarke an unserer Kasse steht.
Genau deshalb verzichten viele Händler darauf.
Wir machen es trotzdem.
Denn die entscheidende Frage ist für mich nicht immer: Was verdiene ich an diesem einen Artikel?
Sondern: Welche Aufgabe erfüllt dieser Artikel für meinen Kunden und für meinen Laden?
Wer im Urlaub eine Postkarte kauft, möchte sie in den meisten Fällen nicht drei Wochen später zu Hause verschicken. Er braucht eine Briefmarke. Wenn wir ihm die Postkarte verkaufen, finde ich es nur konsequent, ihm auch den nächsten Schritt so einfach wie möglich zu machen.
Die Briefmarke verdient für uns kein Geld.
Aber sie macht die Postkarte komplett.
🛍️ Ein kleiner Artikel muss nicht klein sein
Postkarten sind für mich ein schönes Beispiel dafür, wie wir unser Sortiment im INSELWiNKEL betrachten.
Nicht jeder Artikel muss für sich allein die höchste Marge bringen. Manche Produkte holen Menschen in den Laden. Andere sorgen dafür, dass ein Einkauf vollständig wird. Manche sind Service. Und manche schaffen überhaupt erst den Anlass, dass jemand stehen bleibt.
Am besten erfüllen sie mehrere dieser Aufgaben gleichzeitig.
Genau deshalb stehen unsere Postkartenständer draußen. Und genau deshalb liegen an unserer Kasse Briefmarken, obwohl wir daran nichts verdienen.
Dasselbe Prinzip gilt auch bei anderen Produkten. Wir überlegen bei jedem Produkt, was der Gast im Urlaub eigentlich damit vorhat. Rosé und Weißwein schmecken gekühlt am besten – also stehen sie bei uns nicht im Regal, sondern im Kühlregal. Das kostet uns nichts extra, macht die Flasche aber sofort brauchbar statt erst in drei Stunden. Der kleine Service drumherum ist oft das, was ein Produkt wirklich fertig macht.
Und wenn jemand mit Karte und Briefmarke bei uns an der Kasse steht, wünschen wir eigentlich immer nur noch eins:
Viel Spaß beim Schreiben! 😉





